Hundehalter überfordert - soll man sich einmischen?

Spätestens seit dem schrecklichen Vorfall, als der Staffordshire-Mix Chico sein 27-jähriges Herrchen und dessen 52-jährige Mutter tötete, sollte sich jeder Tier (und Menschen-)Freund fragen, was wir dazu beitragen können, dass sich so etwas nicht wiederholt. Dieser Fall ist natürlich besonders extrem und geht einher mit völligem Versagen der Behörden, die seit langer Zeit über die Zustände in Kenntnis gesetzt worden waren und dennoch nicht eingegriffen haben.

Aber auch weniger extreme Fälle verdienen unsere Beachtung.

Vor einer Weile war ich mit meinen Hunden spazieren. Wir trafen dabei auf eine Französische Bulldogge, die entweder stocktaub gewesen sein muss oder aber völlig ignorant. Meine Beiden waren für den kleinen Rüden sehr interessant, was ja auch total ok war. Sein Herrchen stand ein paar Meter weiter auf dem Weg, beobachtete die Interaktion der Hunde und wollte schließlich weitergehen. Was nun folgte, war tragikomisch:

Herrchen rief immer wieder, zunächst recht monoton: "Max, komm jetzt." Fünf Mal. Zehn Mal. Lauter werdend, rot anlaufend. Max zeigte nicht die leiseste Reaktion darauf. Er hatte sein Herrchen offenbar vollständig ausgeblendet. Nachdem meine Hunde abgeschnüffelt waren, war die Wiese dran. Die Duftspuren im Gras waren offenbar um ein Vielfaches interessanter als Herrchen. Um nicht zu sagen: Herrchen war schlichtweg gar nicht interessant. Bindung? Was ist das?

Ich habe (leider) nichts gesagt. Ich hatte kurz darüber nachgedacht, aber da der Mann offenbar immer aufgebrachter wurde, wollte ich ihn nicht noch zusätzlich provozieren. Dabei hätte er Hilfe so dringend nötig gehabt.

Wie sagt man's ...?

Nun muss ich zu meiner Ehrenrettung sagen, dass man in einer solchen Situation spontan einiges falsch machen kannMan denkt besser vorher einmal darüber nach, wie man ein Gespräch beginnt, ehe man sich mit den ersten Worten direkt in die Nesseln setzt. Gerade bei einem Hundehalter, der vor Wut innerlich schäumt, braucht man eine Menge Fingerspitzengefühl. Denn bloßgestellt ist er schon, und es fehlt vielleicht nicht mehr viel bis zur Explosion.

Dieser Mann ist natürlich nur ein Beispiel von vielen, aber ein klassisches. Denn eines der häufigsten Probleme ist vermutlich das, dass der Hund "nicht hört", also sich nicht abrufen lässt. Aber gerade das ist eigentlich ein gar nicht so schwieriger Einstieg ins Gespräch, denn mal ehrlich: Wer kennt es denn nicht? Hat das nicht jeder Hunde-Anfänger durchgemacht? Wären wir nicht alle dankbar für ein paar Tipps?

Vor den Tipps kommt das Verständnis

Man sollte das Gespräch wohl nicht damit einleiten, dass man dem überforderten Hundehalter direkt die nächste Hundeschule nennt. Verständnis als Einstieg öffnet in der Regel die Türen. "Oh, das kenne ich auch von früher, das ist echt anstrengend, nicht wahr?" Wenn der andere darauf eingeht, wird es leichter. Man kann zum Beispiel fragen, wie lange er/sie den Hund schon hat, ob er schon Hundeerfahrung hat, dann zwischendurch von sich selbst erzählen... Sicherlich hat jeder von uns eine Geschichte auf Lager, die den Gesprächspartner etwas über die erlittene Schmach hinweg tröstet.

Welche Tipps man dann am Ende geben kann, weiß jeder für sich selbst am besten. Vielleicht ist es ein besonders guter Hundetrainer, eine Hundeschule oder ein Buchtipp. Leute mit Hundeerfahrung wissen zwar, dass in aller Regel allein der Zweibeiner die Schuld für die Misere trägt, aber auch das muss man natürlich mit etwas Diplomatie vortragen. Dennoch ist es wichtig, dass der Verzweifelte begreift, dass der Hund nicht böse, gehässig oder stur ist, sondern dass man selbst offenbar einfach noch nicht den richtigen Weg gefunden hat, um miteinander zu kommunizieren.

Ins Spiel vertiefte Hunde abrufen klappt nicht immer. Deswegen lässt man es besser bleiben, wenn der Hund noch nicht zuverlässig hört.

Der misshandelte Hund

Wenn ein Hundebesitzer seinen Hund (aus Überforderung oder warum auch immer) schlägt, wird es schwieriger. Zuallererst sollte man auch in einem solchen Fall versuchen, mit der Person zu reden. Manch einem ist es so peinlich, darauf angesprochen zu werden, dass er dies als Anlass nimmt, fachkundigen Rat zu holen.

Leider dürfte aber bei einem Großteil solcher Fälle ein Gespräch nicht viel bewirken. Wer so wenig Empathie für seinen Hund hat, dass er ihn schlägt oder vernachlässigt (oder beides), stört sich in der Regel nicht großartig an der Meinung seiner Mitmenschen. Um dem Hund trotzdem zu helfen, bleibt dann leider nur noch eine Meldung beim Veterinäramt oder bei der Polizei. Auch der örtliche Tierschutzverein ist ein möglicher Ansprechpartner.

Aber was, wenn nichts unternommen wird? Dann kann man zumindest noch versuchen, andere Zeugen ins Boot zu holen, Misshandlungen zu protokollieren und alles schriftlich niederzulegen für eine erneute Anzeige. Unterstützung bekommt man oft von tierlieben Nachbarn, aber auch in lokalen Hundegruppen in den sozialen Medien.